Auffassungen

Veikko Halmetoja | Kunstkritiker

Die traditionellen Handarbeitstechniken und -motive sind Teil des breitgefächerten Bildprogramms der zeitgenössischen Kunst. So war es nicht immer. Handarbeiten, insbesondere die traditionellen Handarbeiten der Frauen, wurden gering geachtet. Da Dekorativität verpönt war, wusste man Sticken, Häkeln oder Klöppeln nicht als Instrument künstlerischen Schaffens zu erkennen.

Minna Kangasmaa hebt in ihren Werken die Handarbeitstradition stark hervor. Sie benutzt sie als Rohmaterial und bleibt nicht bei der Nachahmung der Tradition stehen. Ihre Annäherungsweise ist vielseitig. Sie verwendet beispielsweise eine traditionelle Handarbeitstechnik, häkelt aber nicht mit Baumwollgarn, sondern mit Kupfer. Bisweilen verwertet sie lediglich uralte Ziermuster und gibt sie zum Beispiel in Beton wieder. Die Muster der Klöppelspitzen sind häufig der Natur entlehnt. Sie folgen mit mathematischer Präzision ihrer jeweiligen rechnerischen Formel. Kangasmaa hat nach den Quellen der Spitzenmuster gesucht. Gegenüber den Spitzen, die ihr als Vorbild dienten, kehrt sie in ihren Werken stärker zur Natur zurück. Dadurch betont sie den Dialog zwischen Handarbeit und Natur.

Neben den Handarbeiten behandelt sie auch ein größeres Spektrum von Themen, die man in der Traditionsgeschichte der Frauenkultur zuordnen könnte. In diesem Zusammenhang interessiert sie sich speziell für die Ästhetik in Relation zu den Naturbildern.

Sie hat Baumwipfel fotografiert und mit den Aufnahmen eine Hochglanzillustrierte anfertigen lassen, auf deren Seiten sich die Wipfel präsentieren wie die Stoffkollektionen der Saison. Auf den ersten Blick könnte man das Werk als Kritik an der Oberflächlichkeit der Mode interpretieren, aber Kangasmaa ist nicht engstirnig. Wenn es um die Sehnsucht nach Schönheit geht, ist sie wohlwollend und verständnisvoll. Sie lässt die Bilder für sich sprechen. Die Formensprache der Natur hat so starken Einfluss auf die uns umgebende Alltagsdekoration, dass kein Widerspruch entsteht. Die allgegenwärtige Präsenz der Natur ist eine der zentralen Botschaften von Minna Kangasmaa.

Der Gedanke des Recyclings der Ästhetik ist Kangasmaa wichtig. In ihren jüngsten Werken verarbeitet sie der Natur nachempfundene Muster von alten Porzellantellern. Aus ihrem Zusammenhang gerissen, erscheinen die Muster nicht unbedingt mehr schön. Sie zeigen verkrüppelte Formen und karge Vereinfachung. Beim Ausschneiden der Muster entsteht Porzellanabfall: feine, sandartige Brösel, die Kangasmaa ebenfalls ausstellt. Sie betonen die Wichtigkeit des Dekors. Die weiße Fläche wird zum Überrest, wenn man die Verzierungen herausholt. Zugleich erinnert der Abfall jedoch auch daran, dass viele natürliche Ressourcen nicht regenerativ sind und dass eines Tages auch das Rohmaterial des Porzellans aufgebraucht sein wird. Zudem ist auf der Materialebene kein Recycling von Porzellan möglich, denn im Gegensatz zu Glas eignet sich zerstoßenes Porzellan nicht zur Wiederverwertung. Kangasmaa gibt dem Material ein neues Leben und und erinnert zugleich an seine Endlichkeit. Minna Kangasmaa ist eine Bildhauerin, deren Arbeit vom Inhalt ausgeht. Verbunden sind ihre Werke durch die Naturbilder und die Behandlung der Handarbeitstradition. In Form und Material unterscheiden sie sich zum Teil erheblich voneinander. Bei ihren Skulpturen siedelt Kangasmaa zahlreiche Bedeutungen auf der Oberfläche an. Häufig schafft sie Reliefs oder ordnet die Form der Plastik auf andere Weise der Oberfläche unter. Zugleich ordnet sich die Form dem Inhalt unter, denn die Oberfläche der Verzierungen ist ihr Inhalt.